Anne Frank und wir

„12. Juni 1942

Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemanden gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein.“

Mit diesem Eintrag begann Anne Frank ihr Tagebuch. Das damals 13-jährige Mädchen wird sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorgestellt haben, was das Schicksal für sie und ihre Familie bereit halten sollte, und wieviel Angst und Verzweiflung aber auch Lebenswillen,  sie diesen Seiten anvertrauen würde.

Dieses Buch haben wir uns, fast 75 Jahre nachdem Anne es voller Freude begonnen hatte, als Thema für unsere neue Theaterproduktion ausgewählt.

Der Eingang zum Hinterhaus

Eigentlich hätte unser Stück „Anne Frank und wir“ heißen müssen. Denn in den letzten Monaten ist sehr viel von uns mit in dieses Stück eingeflossen, das so nicht im Script stand. Und gleichzeitig hat sich durch die intensive Arbeit mit Anne, ihren Mitbewohnern im Hinterhaus und ihrer Zeit auch in uns viel bewegt.

Wir haben uns auf eine Reise begeben – und das nicht nur im übertragenen Sinne, denn ein großer Teil unseres Ensembles hat im Herbst 2016 das KZ in Auschwitz besucht, erlebt und erspürt. Diese Erfahrungen und Emotionen sind natürlich in das Stück mit eingeflossen.

Viele von uns haben über das Theaterstück Annes Tagebuch zum ersten Mal oder erneut für sich entdeckt. Über das Spielen und (beim Projektchor) über die Musik ist man diesem jungen erwachsenen Mädchen und ihren Leidensgenossen sehr nah gekommen. Manchmal näher, als es einem lieb war. Aber auch das muss man ertragen können.

Wir sind in den letzten Monaten einen langen Weg mit Anne gegangen, haben sie zu einem Teil von unserm Innersten gemacht – so wie sie uns mit ihrem Tagebuch auch uns in ihr Innerstes hat blicken lassen.

Dabei haben wir sehr viel über sie, aber auch die anderen „Hinterhäusler“ und ihre Helfer erfahren und gelernt. Auch ihnen wollten wir mit diesem Stück einen Stimme geben. Sie sprechen lassen über ihre Angst, die Verzweifl ung, die Wut – aber auch ihre Hoffnungen zeigen, den Mut und die Selbstlosigkeit der Helfer.

Auch über uns selbst haben wir viel gelernt. Darüber, dass man Farbe bekennen muss, Flagge zeigen. Und dass schweigen keine Alternative ist – sonst wird einem irgendwann das Sprechen verboten.

Mit der heutigen Aufführung wird es für uns Zeit, Anne und ihre Leidensgenossen gehen zu lassen. Was aber nicht bedeutet, dass man sie vergisst. Ganz im Gegenteil. Wir nehmen ihre Essenz, was sie uns hinterlassen haben, mit ins Hier und Heute. Als Kompass für unser heutiges Handeln. Denn während der Probenzeit musste wir mit Erschrecken feststellen, wie brandaktuell ihre Geschichte ist und wie nahe wir in einigen Ländern schon wieder an diese doch eigentlich als längstvergangen abgetanen Zeiten und Zustände herangerückt sind.

Gerade deshalb sind wir es Anne schuldig, ihre Geschichte immer und immer wieder zu erzählen. Denn was mit ihr und Millionen anderen an Hoffnungen, Möglichkeiten und Träumen zerstört wurde, ist unwiederbringlich verloren gegangen.

Niemals darf so etwas wieder geschehen – nirgends auf der Erde!

Das boje-Theaterensemble

Hinterhäusler und Helfer (Ensemble 2017)